~~~*Alles ganz anders*~~~

Adas schmächtiger, fiebrig heißer Körper lag dick eingemummelt im elterlichen Ehebett, in dem sie zur Welt gekommen war. Ungewöhnlich langsam hoben sich die schweren Deckbetten unter ihren immer schwerfälliger werdenden Atemzügen. Sie versuchte ihren müden Herzschlag auszublenden. Angestrengt lauschte die Kleine auf die Stimmen aus der Küche, sog die weihnachtlichen Düfte unter Aufbietung ihrer letzten Kräfte begierig in sich auf.

Das Aroma von Pekannüssen, Zitronat, Orangeat und Datteln erfüllte das gesamte Haus. Ada konnte ihre Mutter und die Schwestern förmlich vor sich sehen, wie sie unten unermüdlich die Zutaten für das Frücktebrot hackten. Die befüllten Formen wurden dann mit sauberen Leintüchern zugedeckt und zum langsamen Garen in flache, mit kochendem Wasser befüllte Gefäße in der Speisekammer gesetzt. Im letzten Jahr hatte Ada wie alle anderen Frauen und Mädchen des Haushalts selbst dabei geholfen. Auch die Großmutter war dabei gewesen.

Doch seit ein paar Tagen war sie nicht mehr da.

Sie war von ihnen gegangen, hatte Mutter gesagt. So weit fort, dass sie niemals zurückkehren konnte. So wie auch Ada es tun würde, auch wenn die Mutter sich gehütet hatte, das zu sagen.

Doch auch sie würde Weihnachten auf der langen und beschwerlichen Reise weit hinter sich lassen. Sie war schon elf, sie wusste es.

Ada hatte Angst.

Ein Schmetterling klopfte ans Fenster. Ada erhob sich, um dem frierenden Tier Einlass zu gewähren. Der Schmetterling setzte sich auf ihre warmen Handflächen und richtete die Fühler.

"Schön, dich kennenzulernen, Ada", grüßte er.

"Kommst du, um mich zu holen?", fragte das Kind bang.

"Ja", bestätigte der Schmetterling freundlich und schüttelte den Schnee von seinen Flügeln.

"Aber ich kann nicht so weit laufen", entgegnete Ada verzagt. "Draußen ist es kalt und ich bin so müde."

Der Schmetterling zwinkerte nur: "Denkst du denn, wir laufen?"

Ada schluckte. "Aber ich habe doch keine Flügel."

Der Schmetterling zwinkerte abermals. "Da wäre ich mir nicht so sicher."

Als Ada einen zaghaften Blick über die Schulter warf, entdeckte sie dort ein Paar flaumige, herrlich weiche und samtig weiße Flügel. Sie lächelte, öffnete das Fenster ganz, breitete ihre Schwingen aus und gemeinsam machten sie sich auf in den Wirbel der weißen tanzenden Flocken, der sie schon bald unsichtbar einhüllte.

Später würde die Mutter Adas leblosen Körper neben dem geöffneten Fenster auf dem Boden liegend finden. Sie würde ihren Geschwistern sagen, dass Ada von ihnen gegangen war. Weit weg. Auf eine lange Reise, von der sie nicht einmal zu Weihnachten zurückkehren konnte.

Und sie würden traurig sein, weil sie Angst hätten.

Aber es gab gar keinen Grund, traurig zu sein. Denn in Wahrheit war

alles ganz anders.

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Addons: keine; Kategorie: Dekoration/Skulpturen; Preis: § 40; Poly: 1168